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Wir bauen auf Erinnerung

Wie wir sozialer Demenz entkommen und mit dem Herzen sehen lernen...
18. Juli 2025 durch
Gaionauten e.V.
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Manche Lebensläufe spiegeln die Brüche eines ganzen Jahrhunderts wider. Sie erzählen vom Rausch des Fortschritts, von der Wucht der Zerstörung und von der stillen Kraft der Verdrängung, die das Überleben oft erst möglich macht. Die Geschichte meines Vaters, geboren in den zwanziger Jahren, ist so eine Erzählung. Sie zeigt, wie tief die Wurzeln unserer heutigen gesellschaftlichen Entfremdung reichen und warum wir dringend neue Wege der Erinnerung brauchen, um wieder zueinanderzufinden.

Zerrissen

Es gibt biographische Geschichten, wie die von sehr ungleichen Zwillingen, welche auf berührende Weise das zerrissene 20. Jahrhundert spiegeln. Der eine, aus Stahl und Glas geboren, ein technologisches Wunderwerk, das den Menschen den Blick zu den Sternen versprach: das Leipziger Großraum-Planetarium, eröffnet im Mai 1926. 

Der andere, aus Fleisch und Blut, geboren schon knapp fünf Wochen zuvor und aufgewachsen im nahen südlichen Kohlerevier: mein Vater. Beide waren Kinder (in) einer Zeit des Fortschrittsrausches, die glaubte, durch Technik und Verstand die Welt beherrschen zu können. Und dabei zum Teil völlig (und nicht nur) den Verstand verloren hat.

Während der eine den Blick zu den fernen Galaxien richtete, wurde für den anderen der Boden unter den Füßen brüchig. Der Großvater meines Vaters, kurz nach 1900 nach Amerika ausgewandert, verkörperte dabei vielleicht die Sehnsucht nach einer besseren Welt. Doch die Verbindung riss. Meine Urgroßmutter hat – so die offizielle Familiensaga – das aus Amerika geschickte Geld für die Überfahrt "lieber verprasst": War es Leichtsinn? Oder vielleicht Emanzipation? Gar verbunden mit einem engen Heimatgefühl?

Sie soll eine "besondere" (die Überlieferung sagt: "ein bisschen verrückte") Frau gewesen sein, die 1935 als "Heimbürgerin" in Zipsendorf ihren eigenen Sohn für seine letzte Reise vorbereiten musste. Gestorben durch Ärztepfusch nach einem Arbeitsunfall als Gleisverleger in der Kohlegrube – Opfer eines Fortschritts, der die Erde aufriss und Menschen verschliss. Vielleicht sogar, weil er ein Roter war - in einer braunen Zeit.

Zerstört

Das Leipziger Planetarium war 1943 bereits zerstört – von ebenjenem Himmel, den es zu erklären suchte. Mein Vater sah die Bombenangriffe von seinem Dorf. Auch ein Jahr später, in jener Nacht, bevor er sich von seiner besorgten Mutter und den kriegsbegeisterten, bald gefallenen, Schulkameraden verabschiedete, um in den Kampf zu ziehen. 

Sein Weg durch die brennende Leipziger Innenstadt vom Bayerischen Richtung Hauptbahnhof war mehr als nur ein Marsch durch eine zerbombte Stadt. Er wurde zur Vorahnung dessen, was ihn noch erwarten sollte. Und zum beginnenden Abschied von einer bald in Schutt und Asche liegenden "Utopie". Die ultimative Konsequenz unserer Selbstentfremdung.

Welch absurde Vorstellung: Am D-Day könnte er seinen eigenen, unbekannten Verwandten aus Amerika als Fallschirmjäger im Nahkampf (wenn man das Weiße im Auge des Gegners sieht) gegenübergestanden haben. Plötzlich war das „Du oder Ich“ eine bittere familiäre Realität mit den Nachfahren jenes Großvaters, der sich dort in seinem Sägewerk inzwischen zu Tode gearbeitet hatte.

Verdrängt

Mein Vater wollte nie vom Krieg erzählen, erst spät ahnte ich von seinen traumatischen Erfahrungen in der Normandie, den vielen Kessel-Ausbrüchen wie in Falaise, den Kameraden, denen er nicht mehr helfen konnte. Aber mehr wollte er nicht darüber berichten. 

Am Abendbrottisch erzählte er uns Kindern hingegen immer wieder lustige Geschichten, als habe er sich das Gefangenenlager schön reden wollen. Die Erinnerung an eine Fußball-Liga zwischen den Lagern in englischer Gefangenschaft, an Duelle mit Bert Trautmann aus dem Nachbarcamp, der späteren Torwart-Legende von Manchester City. Ein Fußballfeld als Psycho-Lazarett für die auf dem Schlachtfeld übrig gebliebenen, traumatisierten Seelen...

Nach dem Krieg baute mein Vater – wie "Werner Holt" zunächst zögerlich – eine neue Welt mit auf. Ein neues System, das durch Reparationszahlungen zusätzlich ausblutete, statt einen Marshall-Plan in den Hintern geblasen zu bekommen. Er wurde Sportlehrer in Meuselwitz, vielleicht sogar für den jungen Wolfgang Hilbig, der später wie kein anderer die versehrte Seele dieses Kohlereviers in eine fast überirdisch faszinierende Sprache fasste.

Mitte der 50er wurde er zum lokalen Fußballhelden in Jena, spielte noch zusammen mit der Stürmer-Legende Peter Ducke, dem "Pelé des Ostens". Auch mit Georg Buschner, der später bei der 74er WM als Nationaltrainer gegen die BRD ein kurzes Zeichen im sportlichen Systemwettbewerb setzte. Mit ihm bildete er die Flügel jener Jenaer "Kultabwehr", die gleich nach dem Aufstieg in die höchste DDR-Liga maßgeblich zum Vizemeister, bald zum Pokalsieg und letztlich auch zum langfristigen Verbleib als Spitzenmannschaft beigetragen hat.

Die Fähigkeit zur Verdrängung, die ihn den Krieg überleben ließ, hat er wohl nicht mehr verlernt. Nur zwei Tage nach dem Tod seiner fünfjährigen Tochter stand er wieder auf dem Fußballfeld – die Presse attestierte ihm danach eine mäßige Leistung. Auf diesen Schicksalsschlag folgte die Scheidung und ein schleichender Bruch mit seinen verbliebenen Kindern aus dieser Ehe.

Da war mein Vater längst ein überzeugter Mann seines Systems, irgendwann stellvertretender ökonomischer Direktor in einem großen Pharmabetrieb in Jena. Und dort auch – trotz (oder wegen verdrängter?) Kriegserlebnisse – oberster Kampfgruppen-Kommandeur. In den 90ern überlebte er den Krebs mit 70 nur, weil nach dem Zusammenbruch seines Systems eine bessere medizinische Versorgung möglich war.

Vergessen

Heute, mit fast 100 Jahren, ist mein Vater körperlich erstaunlich fit. (Als hätte er die verlorenen Jahre meines leider nie getroffenen Großvaters hinzubekommen.) Aber er vergisst seit einer Dekade immer mehr, entwickelt leicht durchschaubare, unbeholfene Strategien, um seine Demenz zu verbergen. Er besucht regelmäßig eine Tagespflege, die wir ihm motivierend als Seniorentreff übersetzen. Wir hatten Glück mit dem Träger in diesen Zeiten harter ökonomischer "Zwänge": Trotz großem Engagement vieler Pflegekräfte ein überlastetes bürokratisches System. Spiegelbild einer Gesellschaft, die nicht mehr weiß, wie man mit dem Leben in all seinen Phasen wirklich verbunden sein kann.

Sein technischer Zwilling in Leipzig hingegen ist längst aus dem kollektiven Gedächtnis seiner Stadt verschwunden. Die gesellschaftliche Entfremdung, die zu seiner Zerstörung führte, ist jedoch keineswegs überwunden. Wir stehen heute, 100 Jahre später, erneut an einem Scheideweg. Wir leben mit dieser kollektiven Demenz hinter Fassaden von Greenwashing und digitalen Heilsversprechen. Versuchen wir nicht selbst mit fragwürdigen Strategien, diese Demenz zu verbergen?

Was braucht es für einen Gegenentwurf? Zur Heilung dieser sozialen Demenz? EiÖkosystem gegenseitiger Fürsorge zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen, ...? Neue Rahmenbedingungen für mehr Wertschätzung? Sinnstiftende Tätigkeiten und Kreislaufwirtschaft als Grundlage für Achtsamkeit und Würde gegenüber allem Lebendigen? Um endlich selbst wieder lebendig zu sein! Um auch mit persönlichen "Handicaps" (die aus einer anderen Perspektive sogar Stärken sein könnten) vorhandene Potenziale einbringen, um sich gegenseitig unterstützen zu können! Also nicht nur als (behindertes) Objekt betrachtet und verwaltet zu werden, weil man für "den Markt" nicht (mehr) taugt!

Erinnern

Wir werden für die Überwindung unserer Ohnmacht um einen radikaleren Perspektivwechsel nicht herumkommenEin neuartiges Planetarium, nennen wir es "Gaia-Dome"könnte uns als "kommunale XR-Brille" helfen, diesen Perspektivwechsel nicht nur symbolisch transparent zu machen. Wir könnten komplexe Zusammenhänge und Herausforderungen via Sozial- und Klimadaten, Verkehrsflüssen oder Bodenversiegelung in begehbare, interaktive Klang-/Bildwelten übersetzen. Vielleicht sogar mit globalen Flüchtlingsströmen konfrontieren. Menschen, die bisher wenig mitgestalten konnten, aber viel zu sagen haben, könnten endlich aktiv(iert) werden: Kinder, Jugendliche, Bürger:innen, Patient:innen, junge Forschende uvm.:

  • Im Gaionauten-Training könnten Kinder lähmende Klima-Angst in Selbstwirksamkeit verwandeln, wenn sie Stadtklima erfühlen, daraus eigene Visionen kreieren und sie bei den Verantwortlichen der Stadt einfordern
  • Urbane Digitale Zwillinge bieten neuartige Partizipationsmöglichkeiten, bei der Stadtplanung immersiv, fühlend erfahrbar wird, Stimmungen und Vorschläge aus der Bevölkerung via XR-Technologie transparent rückgekoppelt werden
  • In kommunalen Gaia-Räten erhalten nicht-menschliche Akteure via KI oder menschlichen Vertretern im Fulldome-Resonanzraum eine Stimme in demokratischen Entscheidungsprozessen
  • Im Gesundheitswesen wäre mit audiovisuell-szenischen Methoden eine Verständigung auf Augenhöhe zwischen Betroffenen, Angehörigen, Ärzten und Forschern z.B. zu ethischen Fragen und z.B. zum Umgang mit persönlicher und sozialer Demenz möglich
  • Wissenschaftskommunikation könnte komplexe Sensor-, Satelliten- oder Kommunal-Daten in spannende interaktive Erlebnisse übersetzen, die zur Berufswahl in MINT- und Sozialfächern oder zu Stadtprojekten inspirieren
  • ...

So werden Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu fühlbaren, verbindbaren Landschaften, die wir mit verschiedenen "KI´s" wie „Kommunaler“, „Klimatischer“, "Konnektiver", "Künstlerischer" und sicher auch „Künstlicher Intelligenz“ kreativ gestalten bzw. aufarbeiten können. Das würde uns helfen, Entfremdung zu überwinden, passive Zuschauer zu aktiven Gestaltern ihres Lebensraums zu inspirieren und damit eine neue Identität mit der eigenen Stadt befördernEine wichtige Voraussetzung für intrinsisch motiviertes Handeln. Also genau so, wie von Demenz Betroffene eben nicht über Fakten, sondern über Gefühle, Musik und Berührung besonders gut erreicht werden können.

Verbinden

Die Geschichte meines Vaters ist die Geschichte einer verlorenen Verbindung und einer unglaublichen Überlebenskraft. Das Schicksal des Leipziger Großraum-Planetariums steht hingegen symbolisch für die zerstörten Hoffnungen seiner gefallenen Kameraden, letztlich für das Scheitern einer Weltsicht, die das Naheliegende übersehen hat. 

Ein "Gaia-Dome" wäre eine optimistische Antwort darauf, um eine neue Kultur der Teilhabe, der ökologischen Verantwortung zu befördern. Als Transformations- und Wissens-Allmende brächte er das verlorene Leipziger Großraum-Planetarium zwar nicht in seiner ursprünglichen Architektur zurück. Aber er bewahrt als (zunächst mobiles) digitales Denk- bzw. Fühlmal seine immersive Kraft, erweitert zum interaktiven Resonanzraum. Damit die nächsten 100 Jahre nicht wieder in einer Katastrophe enden.

Wenn ich mit meinem Vater heute im Jenaer Planetarium mit seinen meist immergleichen Vorführungen sitze, erzählt er mir von solchen Besuchen mit der Hitlerjugend. Das wird dann wohl bei seinem "Zwilling" in Leipzig gewesen sein. So schließt sich der Kreis. So wird mein Vater zum lebenden Zeugen eines ganzen Jahrhunderts voller Brüche. Sein 100. Geburtstag wäre nicht nur ein persönliches Wunder. Es ist auch ein Auftrag an uns: Soziale Demenz heilen, Verbindungen wieder oder neu entdecken, uns resonant darauf einlassen. 

Ich möchte nicht, dass meinem Vater in einem Heim wegen der offensichtlichen (care-)ökonomischen Behinderung eines dementen Systems seine verbliebenen Kompetenzen und Potenziale genommen werden, statt sie zu fördern. Für mich ist klar, dass ich für ihn in dieser Situation da sein möchte, wie er einst - trotz teils überholter Erziehungsmethoden - engagiert und verantwortungsvoll für mich da gewesen ist. Diese Entscheidung spiegelt im ganz Kleinen, was wir im ganz Großen brauchen: eine Rückkehr zur Verbundenheit...

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar – man sieht es nur mit dem Herzen. Und vielleicht, ganz vielleicht, kommt uns der Kleine Prinz in diesem „Gaia-Dome“ ja sogar einmal besuchen...

Jan Hüfner

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