18. Juli 2025
Wir bauen auf Erinnerung
aus dem Original-Text in einfache Sprache übersetzt von Jean-Claude Sonnet
Manche Lebensläufe zeigen die Brüche eines ganzen Jahrhunderts. Sie erzählen vom Rausch des Fortschritts, von Zerstörung und vom Verdrängen. Zwei davon sind fast gleich alt: das Leipziger Großraum-Planetarium und mein Vater.

Zerrissen
Die beiden sind wie sehr ungleiche Zwillinge. Der eine ist aus Stahl und Glas. Er versprach den Menschen den Blick zu den Sternen. Das Leipziger Großraum-Planetarium wurde im Mai 1926 eröffnet.
Der andere ist aus Fleisch und Blut. Mein Vater wurde knapp fünf Wochen vorher geboren. Er wuchs im Kohlerevier südlich von Leipzig auf. Beide sind Kinder einer Zeit, die glaubte, die Welt mit Technik und Verstand beherrschen zu können. Und die dabei den Verstand verlor.
Während der eine zu fernen Galaxien blickte, wurde für den anderen der Boden brüchig. Der Großvater meines Vaters war kurz nach 1900 nach Amerika ausgewandert. Er stand für die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Doch die Verbindung riss ab. Meine Urgroßmutter hat das Geld für die Überfahrt nicht für die Reise ausgegeben. So erzählt es die Familie. War das Leichtsinn? Oder war es ihre Art, selbst zu entscheiden und zu bleiben?
Sie soll eine besondere Frau gewesen sein. In Zipsendorf bei Meuselwitz war sie Heimbürgin. So nannte man früher die Frau, die Verstorbene für die Beerdigung herrichtet. 1935 musste sie das bei ihrem eigenen Sohn tun. Er starb nach einem Arbeitsunfall in der Kohlegrube, weil ihn die Ärzte falsch behandelten. Er war ein Opfer eines Fortschritts, der die Erde aufriss und Menschen verschliss. Vielleicht auch deshalb, weil er ein Roter war in einer braunen Zeit.
Zerstört
1943 war das Leipziger Planetarium bereits zerstört. Bomben fielen aus genau dem Himmel, den es erklären wollte. Mein Vater sah die Angriffe von seinem Dorf aus.
Wenige Monate später verabschiedete er sich von seiner Mutter und von Schulkameraden, die begeistert in den Krieg zogen und bald fielen. Sein Weg führte durch die brennende Leipziger Innenstadt vom Bayerischen Bahnhof zum Hauptbahnhof. Dieser Marsch war mehr als ein Weg durch eine zerbombte Stadt. Er war eine Vorahnung.
Es gibt einen bitteren Gedanken dabei. Am Tag der Landung in der Normandie könnte er unbekannten Verwandten aus Amerika gegenübergestanden haben. Nachfahren jenes Großvaters, der sich drüben in seinem Sägewerk zu Tode gearbeitet hatte.
Verdrängt
Mein Vater wollte nie vom Krieg erzählen. Erst spät ahnte ich, was er in der Normandie erlebt hat. Die Ausbrüche aus den Kesseln. Die Kameraden, denen er nicht mehr helfen konnte. Mehr wollte er nicht sagen.
Am Abendbrottisch erzählte er uns Kindern dafür lustige Geschichten. Als wollte er sich die Gefangenschaft schön reden. Er berichtete von einer Fußball-Liga zwischen den Lagern in England. Und von Spielen gegen Bert Trautmann aus dem Nachbarlager, der später eine Torwart-Legende von Manchester City wurde. Ein Fußballfeld als Lazarett für verletzte Seelen.
Nach dem Krieg baute mein Vater eine neue Welt mit auf. Zunächst zögerlich. Er wurde Sportlehrer in Meuselwitz. Vielleicht unterrichtete er dort auch den jungen Wolfgang Hilbig, der später wie kein anderer über dieses Kohlerevier geschrieben hat.
Mitte der fünfziger Jahre wurde er in Jena zum lokalen Fußballhelden. Er spielte mit der Stürmer-Legende Peter Ducke zusammen. Und mit Georg Buschner, der 1974 als Nationaltrainer der DDR gegen die BRD gewann. Gemeinsam bildeten sie die Abwehr, die Jena bis an die Spitze der höchsten DDR-Liga brachte.
Die Fähigkeit zum Verdrängen hat er nie verlernt. Zwei Tage nach dem Tod seiner fünfjährigen Tochter stand er wieder auf dem Fußballplatz. Die Zeitung schrieb danach, er habe mäßig gespielt. Es folgten die Scheidung und ein langsamer Bruch mit den Kindern aus dieser Ehe.
Später wurde er stellvertretender ökonomischer Direktor in einem großen Pharmabetrieb in Jena. Und dort oberster Kommandeur der Kampfgruppen. In den neunziger Jahren überlebte er mit siebzig eine Krebserkrankung. Möglich war das nur, weil die medizinische Versorgung nach dem Ende der DDR besser war.
Vergessen
Heute ist mein Vater fast hundert Jahre alt und körperlich erstaunlich fit. Aber er vergisst seit etwa zehn Jahren immer mehr. Er hat kleine Strategien, um seine Demenz zu verbergen. Wir durchschauen sie alle.
Er besucht eine Tagespflege. Wir nennen sie ihm gegenüber Seniorentreff, das klingt für ihn besser. Wir hatten Glück mit der Einrichtung. Viele Pflegekräfte geben dort ihr Bestes in einem überlasteten System.
Sein technischer Zwilling in Leipzig ist längst aus dem Gedächtnis der Stadt verschwunden. Die Entfremdung, die zu seiner Zerstörung führte, ist nicht überwunden. Hundert Jahre später stehen wir wieder an einem Scheideweg. Wir leben mit einer Art gemeinsamer Demenz hinter schönen Fassaden. Verstecken wir unsere soziale und ökologische Vergesslichkeit nicht mit ähnlich unbeholfenen Strategien?
Was bräuchte es dagegen? Ein Miteinander der Fürsorge zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen. Regeln, die Wertschätzung möglich machen. Sinnvolle Arbeit und Kreislaufwirtschaft als Grundlage für Achtsamkeit gegenüber allem Lebendigen. Und die Möglichkeit, sich auch mit Einschränkungen einzubringen. Denn was von außen wie ein Handicap aussieht, kann aus anderer Sicht eine Stärke sein.
Erinnern
Um unsere Ohnmacht zu überwinden, brauchen wir einen anderen Blick. Ein neuartiges Planetarium könnte dabei helfen. Nennen wir es Resonanz-Dome, also einen Kuppelraum zum Mitschwingen.
Dort ließen sich schwierige Zusammenhänge in Bilder und Klänge übersetzen, durch die man hindurchgehen kann. Sozialdaten und Klimadaten. Verkehrsströme. Versiegelte Böden. Vielleicht sogar die Wege von Menschen, die fliehen mussten. Und Menschen, die bisher wenig mitgestalten konnten, kämen zu Wort. Kinder und Jugendliche. Bürgerinnen und Bürger. Patientinnen und Patienten. Junge Forschende.
Einige Beispiele:
- Kinder erfühlen das Stadtklima, entwickeln eigene Ideen und tragen sie den Verantwortlichen vor. Aus Angst vor der Zukunft wird das Gefühl, etwas bewirken zu können
- Bei der Stadtplanung wird ein Entwurf begehbar. Stimmungen und Vorschläge aus der Bevölkerung fließen sichtbar zurück
- In kommunalen Räten bekommen Tiere, Pflanzen und Landschaften eine Stimme. Vertreten durch Menschen oder durch Künstliche Intelligenz
- Im Gesundheitswesen verständigen sich Betroffene, Angehörige, Ärzte und Forschende auf Augenhöhe über schwierige Fragen
- Forschung wird zum Erlebnis. Daten aus Satelliten, Sensoren und Verwaltung werden zu Geschichten, die zur Berufswahl inspirieren
So werden Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu Landschaften, die man fühlen kann. Menschen von Demenz Betroffene erreicht man ja auch nicht über Fakten. Sondern über Gefühle, Musik und Berührung.
Verbinden
Die Geschichte meines Vaters ist die Geschichte einer verlorenen Verbindung. Und einer großen Kraft zum Überleben. Das Schicksal des Leipziger Planetariums steht für zerstörte Hoffnungen und für eine Weltsicht, die das Naheliegende übersehen hat.
Ein Resonanz-Dome wäre eine hoffnungsvolle Antwort darauf. Er brächte das alte Planetarium nicht zurück. Aber er bewahrt seine Kraft und macht daraus einen Raum zum Mitmachen. Damit die nächsten hundert Jahre nicht wieder in einer Katastrophe enden.
Wenn ich heute mit meinem Vater im Jenaer Planetarium sitze, erzählt er mir von solchen Besuchen mit der Hitlerjugend. Das wird bei seinem Zwilling in Leipzig gewesen sein. So schließt sich der Kreis. Sein hundertster Geburtstag wäre nicht nur ein persönliches Wunder. Er wäre auch ein Auftrag: soziale Vergesslichkeit heilen und Verbindungen neu entdecken.
Ich möchte nicht, dass meinem Vater in einem Heim seine verbliebenen Fähigkeiten genommen werden, statt sie zu fördern. Für mich ist klar, dass ich für ihn da sein möchte. So wie er einst für mich da war. Diese Entscheidung zeigt im Kleinen, was wir im Großen brauchen. Eine Rückkehr zur Verbundenheit.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Man sieht es nur mit dem Herzen.