10. März 2025
Wenn Pflanzen und Tiere mitentscheiden
aus dem Original-Text in einfache Sprache übersetzt von Jean-Claude Sonnet
In Augsburg stimmten 160 Menschen über die Zukunft der Stadt ab. Aber nicht als Menschen. Jeder vertrat ein Lebewesen aus dem Wasser.

Ein ungewöhnlicher Volksentscheid
Am 1. März 2025 fand auf der Brechtbühne in Augsburg der erste Volksentscheid der Lebewesen statt. Eingeladen hatte die Organismenrepublik Augsburg.
Die Frage dahinter ist einfach und trotzdem umstürzlerisch. Warum richten sich politische Entscheidungen immer nur nach den Bedürfnissen von Menschen?
Die Organismenrepublik hat ein eigenes Gebiet. Es liegt in den Wallanlagen am Roten Tor. Dort wurden schon vor zwei Jahren über 600 Arten eingebürgert. Vom winzigen Einzeller bis zum Biber. Alle mit gleichen Rechten. Es gibt eine Verfassung. Ein Parlament hat getagt. Erste Beschlüsse wurden umgesetzt.
Beim Volksentscheid standen vier Vorschläge zur Wahl. Es ging um die Zukunft des Welterbes Wasserstadt Augsburg:
- Die Macht wird auf alle Arten verteilt. Vertreten durch Laichkraut und Brennnessel
- Man lässt eine heilsame Katastrophe zu. Gemeint ist der drohende Durchbruch der Lechsohle. Vertreten durch Armleuchteralge und ein Cyanobakterium
- Die Biber erweitern die Stadt und das Abwasser wird an vielen Orten gereinigt statt an einem. Vertreten durch Biber und ein Bakterienvirus
- Es bleibt, wie es ist. Der Naturschutz hat ja schon Erfolge. Vertreten durch Grauerle und Mühlkoppe
Warum das mehr ist als Theater
Das klingt zunächst nach einem Künstlerprojekt. Es ist aber eine ernsthafte Übung in Demokratie.
Wer die Rolle eines anderen Lebewesens übernimmt, muss seine gewohnte Sicht verlassen. Fachleute nennen diese gewohnte Sicht anthropozentrisch. Das heißt: Der Mensch steht in der Mitte und alles andere wird von dort aus bewertet.
Die Vorbereitung war gründlich. In Werkstätten lernten die Teilnehmenden, wie die Gewässer in Augsburg zusammenhängen. Dann wurde festgelegt, wer welche Art vertritt.
Das ganze Projekt läuft schon länger. 2023 gab es eine Versammlung für die Verfassung. Danach tagte das erste Parlament der Lebewesen. 2024 folgte ein Gerichtsprozess der Biber.
Und wenn die Natur direkt spräche?
Die Veranstaltung stellte große Fragen. Wie fühlt es sich an, im Augsburger Welterbewasser zu wohnen? Was heißt es, einen Fluss zu befreien? Und wer entscheidet eigentlich, was das Wasser leisten muss?
Uns führt das zu einer eigenen Idee. In Augsburg übersetzen Menschen, was die Tiere und Pflanzen wollen. Ein Kuppelraum könnte einen Teil dieser Übersetzung selbst übernehmen.
Daten gibt es genug. Die Temperatur eines Flusses. Seine Strömung. Die Luft in einem Wald. Die Wege von Tierherden. Diese Messwerte ließen sich in Klänge, Bilder und Bewegungen übersetzen. Dann würde spürbar, wie es einem Lebewesen oder einer Landschaft gerade geht.
Das hätte vier Vorzüge:
- Direkter: Entscheidungen würden auf echten Messwerten von jetzt beruhen
- Jeder Maßstab: vom Bakterium bis zum weltweiten Klima lässt sich alles zeigen
- Lebendig: Natur verändert sich ständig. Das würde sichtbar und würde starre Verfahren herausfordern
- Berührend: So ein Raum wirkt nicht nur auf den Kopf, sondern auch auf das Gefühl
Aus beidem zusammen könnte ein echtes Parlament der Lebewesen werden. Ein Ort, an dem nicht mehr nur über die Natur gesprochen wird. Sondern an dem sie selbst eine Stimme bekommt.
Der Volksentscheid in Augsburg hat gezeigt, dass ein anderes Verständnis von Demokratie möglich ist. Wir greifen das gern auf.
Mehr dazu bei der Organismendemokratie Augsburg. Foto: Jan Hüfner
Was die Wörter bedeuten
- Biokratie: Idee, dass auch Tiere, Pflanzen und Landschaften bei Entscheidungen mitzählen
- Anthropozentrisch: eine Sicht, in der nur der Mensch im Mittelpunkt steht
- Lechsohle: der Grund des Flusses Lech. Bricht sie durch, sinkt der Wasserspiegel stark ab