15. September 2026
Verschmelzung von Wirklichkeit und Denken
aus dem Original-Text in einfache Sprache übersetzt von Jean-Claude Sonnet
Zum 100. Todestag von Rudolf Eucken
Vor hundert Jahren starb in Jena ein Mann, den damals fast jeder kannte. Heute kennt ihn kaum noch jemand. Sein Name war Rudolf Eucken. Er war Philosoph, und er bekam den Nobelpreis.
Eucken wurde 1846 in Aurich in Ostfriesland geboren. Mit 25 Jahren war er schon Professor in Basel. Um dieselbe Stelle hatte sich auch ein anderer berühmter Denker bemüht: Friedrich Nietzsche. 1874 ging Eucken nach Jena. Dort blieb er bis zu seinem Tod am 15. September 1926.
1908 bekam er den Nobelpreis für Literatur. Bis heute ist er der einzige deutsche Philosoph, der diesen Preis je gewonnen hat.
Die Sorge um die Seele
Um 1900 veränderte sich die Welt sehr schnell. Überall entstanden Fabriken. Maschinen bestimmten den Alltag. Viele Menschen glaubten fest daran, dass alles immer besser wird.
Eucken sah das anders. Er fand, die Menschen richten ihr Leben zu sehr nach außen. Sie fragen, was sich lohnt. Sie fragen zu selten, was ihnen guttut. Die Arbeitswelt, schrieb er, habe vieles verbessert. Doch bei all ihren Erfolgen habe sie die Seele des Menschen vergessen.
Dagegen wollte Eucken etwas setzen. Er nannte es eine Tatwelt-Kultur. Damit meinte er: Wir sollen unser Handeln nicht nur danach beurteilen, ob es nützlich ist. Wir sollen fragen, ob es dem Leben dient. Erst dann bekommt der Fortschritt einen Sinn.
Ein Kämpfer für die Philosophie
Die Philosophie hatte es damals schwer. Physik, Biologie und Geschichte wurden immer wichtiger. Diese Fächer brauchten die Philosophie nicht mehr. Sie sollte höchstens noch kleine, technische Fragen klären. Wer nach dem Sinn des Lebens fragte, galt als unwissenschaftlich.
Eucken hielt dagegen. Für ihn war das Leben immer ein Ganzes. Er sah zwei Denkweisen, die dieses Ganze zerstückeln.
Die eine setzt nur auf den reinen Verstand. Eucken nannte sie Intellektualismus.
Die andere sieht den Menschen nur als Stück Natur. Eucken nannte sie Naturalismus.
Beide, sagte er, greifen zu kurz.
Wirklichkeit und Denken verschmelzen
Eucken wollte diese beiden Seiten nicht gegeneinander ausspielen. Er wollte sie zusammenbringen. Das ist auch mit dem Titel dieses Artikels gemeint.
Die Wirklichkeit ist zunächst ein Durcheinander von Ereignissen. Im Denken der Menschen soll daraus etwas Geordnetes werden. Eucken nannte das die echte Wirklichkeit. Geschichte war für ihn deshalb mehr als eine Reihe von Jahreszahlen. Sie sollte helfen, eine innere Ordnung zu erkennen.
Dafür entwickelte er eine eigene Methode, die noologische Methode. Der Name klingt sperrig, gemeint ist etwas Einfaches: Verstehen entsteht nicht nur im Kopf. Es entsteht, wenn wir uns in eine Sache hineinleben. Wissen kommt für Eucken also nicht aus starren Begriffen, sondern aus einem Verstehen, an dem der ganze Mensch beteiligt ist.
Eine schwierige Seite
Eucken war zu Lebzeiten sehr bekannt, vor allem durch seine späteren, gut verständlichen Bücher. Doch nicht alles daran überzeugt heute noch.
Im Ersten Weltkrieg schrieb er auch über eine besondere deutsche Seele. Er stellte sie über das freiheitliche Denken des Westens. Diesen Teil seines Werks muss man heute kritisch lesen.
Ein einfacher Nationalist war Eucken trotzdem nicht. Sein Haus in Jena galt als weltoffen. Er suchte ernsthaft nach Wegen aus den Konflikten seiner Zeit. Gefunden hat er sie nicht immer.
Anerkennung von einem großen Denker
1916 würdigte Edmund Husserl die Arbeit von Eucken. Husserl hatte selbst eine große philosophische Richtung begründet, die Phänomenologie.
Husserl sah in Euckens Denken einen Weg, der seinem eigenen ähnlich war. Beide suchten nach dem Leben, das hinter aller Erfahrung liegt. Husserls Theorie wurde daraus nicht. Aber er nahm Eucken ernst, und das war viel wert.
Eine Verbindung zur Wirtschaft
Rudolf Euckens Sohn Walter wurde selbst berühmt, allerdings als Wirtschaftswissenschaftler. Er gilt als einer der Begründer des Ordoliberalismus. Das ist die Idee einer freien Wirtschaft, die klare Regeln braucht. Seine Gedanken prägten später die Soziale Marktwirtschaft.
Walter Eucken löste außerdem einen alten Streit unter Ökonomen. Der Streit ging darum, ob man Wirtschaft aus ihrer Geschichte erklären soll oder aus festen Regeln. Geholfen hat ihm dabei ausgerechnet die Phänomenologie von Edmund Husserl. So wirkte das Denken des Vaters über den Sohn bis in die Wirtschaftswissenschaft hinein.
Warum sich das Erinnern lohnt
Euckens Frage ist heute so aktuell wie vor hundert Jahren. Wir können immer mehr. Wir bauen Maschinen, die denken sollen. Aber ob uns das alles guttut, entscheidet keine Maschine. Diese Frage bleibt bei uns.
Woher die Zitate stammen
Rudolf Eucken: Lebenserinnerungen. K. F. Koehler, Leipzig 1921.
Ferdinand Fellmann: Gelebte Philosophie in Deutschland. Alber, Freiburg im Breisgau und München 1983.
Edmund Husserl: Die Phänomenologie und Rudolf Eucken. Widmung zum 70. Geburtstag vom 5. Januar 1916, abgedruckt in: Die Tatwelt, Band 3, 1927, Seite 10 bis 11.
Hermann Lübbe: Politische Philosophie in Deutschland. Schwabe, Basel und Stuttgart 1963.
Max Wundt: Die Philosophie an der Universität Jena in ihrem geschichtlichen Verlaufe dargestellt. Gustav Fischer, Jena 1932, Seite 429 bis 484.