31. Dezember 2024
Schwellenräume zwischen Illusion und Transformation
aus dem Original-Text in einfache Sprache übersetzt von Jean-Claude Sonnet
Silvester ist ein Moment auf der Schwelle. Das alte Jahr ist noch da, das neue schon fast. Solche Zwischenräume hat es immer gegeben. Manche verführen uns. Andere verändern uns.
Die Passagen von Paris
Der Denker Walter Benjamin hat sich mit den Passagen in Paris beschäftigt. Das waren überdachte Ladenstraßen aus Glas und Eisen, gebaut im 19. Jahrhundert.
Für Benjamin waren sie mehr als Häuser. Sie waren Traumwelten. Die Menschen gingen dort wie in einem Rausch umher. Die Schaufenster glänzten und versprachen ein besseres Leben durch Kaufen.
Dieses Versprechen gibt es heute noch. Es hat nur den Ort gewechselt und hängt jetzt in unseren Bildschirmen.
Benjamin hat auch über die Panoramen jener Zeit geschrieben. Ein Panorama war ein riesiges Rundgemälde. Der Betrachter stand mittendrin und sah sich um. Manche Bilder bewegten sich sogar. Man könnte sagen: Es war die Virtual Reality des 19. Jahrhunderts.
Später kamen die ersten Planetarien. Sie richteten den Blick nach oben, ins Weltall. Beide wollten mit Technik neue Blickwinkel eröffnen. Das Panorama in die Weite, das Planetarium in die Höhe. Beides wurde leider auch für Kriegspropaganda genutzt.
Die Panoramen waren keine reine Unterhaltung. Benjamin sah darin eine Umwälzung im Verhältnis von Kunst und Technik. Ihre Macher wollten die Natur so echt wie möglich nachahmen. Und sie holten das Land in die Stadt zurück, gerade als die Städte begannen, das Land zu beherrschen.

Die Schwellenräume von heute
Auch heute gibt es solche Zwischenwelten. Das Metaversum ist der bisher radikalste Versuch, die alten Passagen ins Digitale zu übertragen. Ein Metaversum ist eine künstliche Welt, in der man sich als Figur bewegt.
Daneben gibt es die leiseren Formen der Betäubung. Die endlosen Ströme in den sozialen Netzwerken. Die Angebote, die uns genau das zeigen, wobei wir hängen bleiben.
Im Resonanz-Labor entwickeln wir bewusst etwas anderes. Wir wollen den Rundblick des Panoramas mit dem Blick nach oben aus dem Planetarium verbinden. Aber nicht als Ersatzwelt. Sondern als Werkzeug, um echte Fragen gemeinsam zu bearbeiten.
Es geht uns nicht darum, Natur perfekt nachzubauen. Es geht darum, verborgene Verbindungen spürbar zu machen. Frühe Fotografen haben zum ersten Mal die Kanalisation von Paris abgelichtet. So ähnlich möchten wir zeigen, was sonst niemand sieht. Woher die Energie einer Stadt kommt. Wie das Kohlendioxid um die Welt wandert. Wie Technik, Natur und Gesellschaft ineinandergreifen.
Von der Illusion zur Veränderung
In unseren Räumen soll man nicht nur zuschauen. Man soll etwas ausprobieren können, wie in einem Versuch.
Dann würde sichtbar, wie eine kleine Entscheidung große Folgen hat. Und umgekehrt, wie etwas Großes bei mir zu Hause ankommt.
Solche Räume lenken nicht ab. Sie machen bewusst. Sie öffnen einen Zugang zu Themen, die sonst schwer zu fassen sind. Klimawandel. Umgang mit Rohstoffen. Ein Miteinander, in dem auch Tiere und Pflanzen zählen.
Kunst, Technik und Wissenschaft arbeiten dabei zusammen. Das Ziel ist nicht Flucht. Das Ziel ist Erkenntnis und die Fähigkeit zu handeln.
Räume zum Ausprobieren
Die großen Fragen unserer Zeit brauchen genau solche Orte. Orte, an denen verschiedene Sichtweisen zusammenkommen dürfen.
Echte Veränderung entsteht nämlich nicht in abgeschlossenen künstlichen Welten. Sie entsteht dort, wo Menschen gemeinsam etwas erkunden.
Eine Schwelle ist deshalb keine magische Grenze. Sie ist ein nützlicher Zwischenraum. Sie lädt ein, die Perspektive zu wechseln.
In diesem Sinne: willkommen im Schwellenraum.
Was die Wörter bedeuten
- Passage: überdachte Ladenstraße aus Glas und Eisen, typisch für das Paris des 19. Jahrhunderts
- Panorama: großes Rundgemälde, das den Betrachter vollständig umgibt
- Metaversum: künstliche digitale Welt, in der man sich als Figur bewegt
- Schwellenraum: ein Zwischenraum. Nicht mehr das Alte, noch nicht das Neue