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Vom Sternenhimmel zurück zur Erde

20. Mai 2026 durch
Vom Sternenhimmel zurück zur Erde
Gaionauten, Jan Hüfner
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Vor 100 Jahren eröffnete am Leipziger Zoo eines der ersten Großraum-Planetarien der Welt. Die Kuppel ist verschwunden. Doch ihre Idee könnte aktueller sein denn je.

Eine neue Bildungsstätte

Die LVZ begrüßte in ihrer Beilage vom 22. Mai 1926 die „neue Leipziger Bildungsstätte“. Sie beschrieb Projektionsapparate, Mondphasen, Planetengänge und den südlichen Sternenhimmel, den man in Leipzig erstmals sehen konnte. Doch der Text war mehr als Fortschrittsjubel. Er warnte davor, das Planetarium nationalistisch zu vereinnahmen oder Arbeiter von ihren Klasseninteressen abzulenken. Diese Blüte wissenschaftlich-technischen Fortschritts müsse, so der Anspruch, als Instrument echten sozialen Fortschritts dienen.

Die Kulturhistorikerin Helen Ahner liest solche Planetarien als Atmosphärenapparate. Die „Aaa…h“-Rufe beim Aufgang der Sterne waren kein Nebeneffekt, sondern Ziel der Inszenierung. Wissenschaft wurde hier nicht nur erklärt, sondern sinnlich erfahrbar gemacht.

Dass diese Idee gerade in Leipzig eine solche Kraft entfaltete, war kein Zufall. Schon 1893 hatte der Kunsthistoriker August Schmarsow in seiner Leipziger Antrittsvorlesung beschrieben, dass Architektur nicht als Fassade oder Stil wirkt, sondern als Raumgefühl, das man beim Durchschreiten mit dem ganzen Körper erfährt. Sein Uni-Kollege Johannes Volkelt beschreibt in seiner Einfühlungsästhetik, dass wir Raum, Landschaft und Kunstwerk nicht als Außenstehende wahrnehmen, sondern in den Gegenstand selbst hinübergehen. Rainer Maria Rilke erdichtet 1914 in München den „Weltinnenraum“, in dem alle Wesen durchlässig ineinander finden. Was damals Theorie und Dichtung war, wurde 1926 im Planetarium körperlich fühlbar. Heute würden wir es Immersion nennen.


Die eigentliche Jenaer Erfindung war vielleicht nicht der Projektor allein, sondern auch die patentierte Kuppel selbst: eine dünne, leichte, selbsttragende Betonschale. Kurz nach der Planetariumseröffnung begann an der Sachsenstraße der Bau des Kohlrabizirkus. Seine Zwillingskuppeln waren 1929 dank des Jenaer Patents die weltweit größten freitragenden Schalenkonstruktionen aus Beton. Entworfen hatte sie Hubert Ritter, derselbe Architekt und Stadtbaurat, der auch das Planetarium geplant hatte.

Perspektivwechsel und Selbstwirksamkeit

Am 4. Dezember 1943 wurde das Gebäude von jenem Himmel zerstört, den es erklären wollte. Es wurde nie wieder aufgebaut. Zwischen 1992 und 1996 gab es im Zoo-Aquarium noch einmal einen Versuch: Besucher sahen Fische hinter der Halbkugel umherschwimmen, bevor sich die Leinwand für die Sternenshow schloss. Heute wirkt gerade dieser Perspektivwechsel besonders: Der Blick ging nicht mehr nur in die Unendlichkeit, sondern auf Mitlebewesen um uns herum.

Darin liegt eine mögliche Wendung für Leipzig. Zum 100. Jahrestag der Eröffnung des Planetariums geht es nicht um einen nostalgischen Wiederaufbau. Es geht um die Frage, welche Räume eine Stadt braucht, um sich selbst, ihre Natur, Infrastrukturen und Zukunft besser zu verstehen. All das lässt sich nicht von außen betrachten. Wir sind schon immer mittendrin.

Der frühere Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, hat das Planetarium als „Galerie der Zukunft“ und „Architektur der Entgrenzung“ beschrieben, in dem also auch Publikum und Leinwand, Wissenschaft und Erleben, Mensch und nicht-menschliche Wesen verschmelzen könnten. Gerade in Ostdeutschland hätte eine solche Idee einen Resonanzraum. In „Empowerment Ost“ erinnert Oberender daran, dass 1989 nicht nur ein System kollabierte: wir konnten vielmehr in einem immersiven(!) Prozess unsere eigene Wirksamkeit erfahren, indem wir die Zukunft selbst in die Hand nahmen, kreativ, solidarisch und mit einem neuen Blick auf Gesellschaft und Natur. Diese Erfahrung können wir heute politisch und kulturell wieder sehr produktiv einbringen.

Für Leipzig wird diese Idee historisch konkret: Seit 1986 nahm die AG Menschenrechte von hier aus die DDR mit ihren UN- und KSZE-Verpflichtungen beim Wort. Heute, vierzig Jahre später, ließe sich diese Haltung noch weiter denken: auf Flüsse, Wälder, Tiere und Ökosysteme. Und auf uns selbst als Teil dieser Verantwortung. Bruno Latour forderte schon in den 1990ern ein „Parlament der Dinge“. Andernorts besitzen Natur oder einzelne Ökosysteme längst Verfassungsrechte. Leipzig wäre mit seiner Erfahrung aus der Friedlichen Revolution prädestiniert für einen Ort, an dem solche Fragen auf einfühlsame Weise erfahr- und verhandelbar werden.

Eine Kuppel für die Stadt

Ein Planetarium des 21. Jahrhunderts könnte uns dabei helfen. Nicht indem Expertinnen von oben Wissen verteilen und Laien es empfangen. Dieses “diffusionistische” Modell sah Ahner schon Anfang der dreißiger Jahre als Grund für Besucherschwund. Ein neuer “Erdraum” müsste Wahrnehmung teilen statt verteilen. Fulldome-Projektion könnte auf Forumtheater treffen, um dabei zugleich die Vereinzelung unter VR-Brillen zu durchbrechen. Eine Schulklasse könnte mit der Zukunft ihres Viertels in Echtzeit interagieren. Ein Bebauungsplan könnte als gemeinsamer Stadtraum ganz neu wahrgenommen und diskutiert werden. Eine Stadtratssitzung behandelte den Auwald nicht als Statistik, sondern als Lebewesen mit eigener Stimme: knackende Eschen, sinkende Wasserstände, Hitze über der Stadt…

Die Werkzeuge dafür liegen bereit. An der HTWK werden solche Kuppeln längst erprobt. An der HGB entstehen 360-Grad-Formate. Der Urbane Digitale Zwilling Leipzigs könnte aus Geo-, Klima- und Sozialdaten eine Erfahrung der Stadtgesellschaft machen, die über Verwaltungszwecke weit hinausgeht. Es fehlt nicht an Stoff, Technik oder Ideen, sondern an einem magischen Ort, der Herzen berührt, Hirne öffnet, Komplexität leicht zugänglich macht und dadurch Engagement wirklich weckt.

Der Kohlrabizirkus gehört wieder der Stadt. Geplant sind Sport, Kultur und Gastronomie. Das Umfeld soll Forschungs- und Technologiequartier werden. Warum sollte dort nicht auch eine Kuppel für modernste Wissenschaftskommunikation, Beteiligungs- und Bildungsformate Platz finden? Als Labor einer neuen öffentlichen Wahrnehmung.

Denn genau diese Wahrnehmung verschiebt sich gerade. Auf den Tag genau zum 100. Jahrestag in Leipzig tritt in Spanien am 20. Mai zum ersten Mal in Europa ein Ökosystem selbst vor Gericht auf. Nicht als Sache, über die gestritten wird, sondern als Träger eines eigenen Rechts.

Was 1926 als Instrument einseitiger Wissensvermittlung begann, braucht heute eine neue Antwort. Für eine Stadt, die das Beim-Wort-Nehmen gelernt hat, wäre ein neuer Erd- oder besser: Weltinnenraum kein Blick zurück, sondern der nächste Schritt in Richtung nachhaltige Zukunft.

Jan Hüfner

Bildgrundlage: Leipziger Volkszeitung, 22.05.1926, „Eine neue Leipziger Bildungsstätte“, Digitalisat SLUB Dresden. KI-Collage/Bearbeitung: Jan Hüfner, 2026

Siehe auch:

Per Kuppel(t)raumschiff durch die "Gaiaxis" oder: Irgendwas zwischen Planetarium, Inspirata und Transformagica

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