Verbindung
Ich habe einen Baum gepflanzt. Einen Schößling der tausendjährigen Eiche aus Nöbdenitz, dem Geburtsort meines Vaters. Am Cole-Monument für die gefallenen amerikanischen Fallschirmjäger, in Carentan-les-Marais, Normandie.
Mein Vater war selbst als junger deutscher Fallschirmjäger an diesem Ort. Vielleicht hat er genau hier gekämpft, genau hier überlebt, wo viele seiner Kameraden und vermeintlichen Gegner gefallen sind. Vier Tage nach der Pflanzung feierte er seinen 100. Geburtstag.
Die tausendjährige Eiche in Nöbdenitz gilt laut Guinness-Buch als älteste Stieleiche Europas. Ihr Stamm misst fast dreizehn Meter Umfang, ihr Inneres ist hohl, und seit 1824 trägt sie in sich eine Grabstätte. Trotzdem treibt sie jedes Jahr neues Laub. Trotzdem bringt sie Eicheln hervor.
Aus einem ihrer Schößlinge wächst jetzt etwas Neues, in der Erde der Normandie. Bei der Pflanzungszeremonie sprach die Bürgermeisterin von Carentan. Sie sagte, auf Französisch und auf Deutsch: Diesen aus einer tausendjährigen Eiche stammenden Baum zu pflanzen, ist eine Geste der Weitergabe. Sie verbindet Generationen, Orte und Geschichten. Ein Baum lässt die Vergangenheit nicht verschwinden. Aber er erinnert uns daran, dass das Leben neu entstehen kann, auf eine andere Weise. Denn Frieden ist niemals selbstverständlich: Er muss gepflegt werden, wie dieser Baum.
Diese Worte hätte ich selbst nicht besser sagen können. Und ich hätte es auch nicht versucht. Vielleicht ist es das Einfachste, was man in einem solchen Fall resonant tun kann: Ein Bäumchen, das aus einem tausendjährigen Stamm am Geburtsort eines Überlebenden hervorgeht, wächst in einem Boden, den Freund und Feind gemeinsam getränkt haben. Er weiß nicht, wer ihn gepflanzt hat. Er fragt nicht, auf welcher Seite sein Verpflanzer stand. Bäume kennen keine Seiten. Sie werden allenfalls als Schutzschild oder nationalistisches Symbol missbraucht. Verbindung hingegen entsteht nicht durch Einigung über die Vergangenheit allein. Vielmehr durch die gemeinsame Zuwendung zu dem, was weiter wächst.
Misstrauen
Ich konnte in der Normandie stehen, weil dieser eine Krieg vor achtzig Jahren längst zu Ende war. Aber Krieg gibt es. Jetzt. In der Ukraine. Auf einem Boden, in dem vor achtzig Jahren im Kessel bei Charkow, im Donbass, … viele Soldaten gefallen sind. Manche dieser Namen kennen wir aus Geschichtsbüchern, manche aus Tagesnachrichten. Manche aus beidem. Ohne es zu merken.
Wir sind alle daran beteiligt. Mit Positionen, Sanktionen, Waffenlieferungen... Wer in Europa lebt, ist nicht außen. Schon gar nicht Deutschland mit seiner Vergangenheit. Hätte mein Vater an der Ostfront gekämpft, vielleicht sogar irgendwo zwischen Charkow und Donezk, dann wäre die Frage gewesen, ob ich es wage, ihn in die Ukraine (oder gar nach Russland) zu tragen. An einen Ort, an dem heute wieder Menschen sterben.
Wen hätte ich dort zu einer solchen Zeremonie einladen sollen? Welchen Bürgermeister, von welcher Seite der Front, mit welcher Genehmigung, mit welchen Argumenten? Hätte ich mich das überhaupt getraut? Einen Baum an einer Front zu pflanzen, an der erneut getötet wird? Zwischen zwei Erzählungen, zwischen zwei Arten von Misstrauen. Hätte ich die Gefahr auf mich genommen, um ein Zeichen zwischen den Fronten zu setzen? Nicht für eine Seite, sondern in den schmalen Raum dazwischen, wenn der in einem Krieg überhaupt existiert? In dem Wissen, dass dasselbe, was hier eine Geste der Weitergabe sein soll, dort als Symbol vereinnahmt würde.
Die Geste hätte sicher sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, viel mehr jedenfalls als ein Baum in der Normandie. Aber Aufmerksamkeit ist nicht Resonanz. Manchmal ist sie ihr Gegenteil. Resonanz ist kein Echo, das laut zurückgibt. Wer Resonanz schaffen möchte, wirkt leise, wirkt dort, wo der Boden noch beide Seiten berühren kann. Es ist das, was die Pflanzung in Carentan möglich gemacht hat. Und das, was sie in Donezk wohl verhindert hätte.
Hätte der Baum dort überhaupt eine Chance gehabt, Wurzeln zu schlagen? Alt wie ein Baum zu werden? Wäre er nicht vielmehr einfach abgewiesen worden, von einem Boden, in dem zu viel Eisen liegt? Frisches Eisen neben dem alten? Ich kenne die Antwort nicht, weiß nur, dass die Fragen nicht hypothetisch sind. Wir leben in ihnen, egal, ob wir uns ihnen aufrichtig stellen oder nicht.
Polarisierung
Ich frage mich, wie eine solche Pflanzung in Deutschlands Kommentarspalten aufgenommen worden wäre? Wer mit einem Baum nach Donezk reist, ist verdächtig. Verdächtig, die falsche Seite zu unterstützen, naiv zu sein.
Erst recht, wenn ich dabei meinem Beruf treu geblieben wäre, also neutral, ohne Lager. Dann wäre der Vorwurf nicht milder, sondern vielleicht noch härter. Wer keine Seite einnimmt, gehört in einer Logik der Lager nirgendwo hin. Sinnlose Arbeit, hieße es, die den Gegner letztlich stärkt. Neutralität gilt in polarisierten Zeiten als die feinste Form der Komplizenschaft.
Es gäbe vielleicht formale Konsequenzen: Reisewarnungen, Sanktionen, Ermittlungsverfahren. Welche informellen Konsequenzen gäbe es darüber hinaus? Ein Mediator lebt von der Glaubwürdigkeit. Auftraggeber wären zumindest aus Angst vor eigenen Konsequenzen verunsichert. Mandanten würden zögern. Ein Verein würde sich erklären oder distanzieren müssen. Und vor allem die Aufforderung, sich zu positionieren: Sag mir, wo du stehst?
Wo stehen wir eigentlich, dass eine Geste der Weitergabe so bedrohlich wäre? In welcher Geschichte befinden wir uns, dass öffentliche Zuordnung zu einer Seite den Verlust beruflicher Voraussetzungen bedeuten kann? Diese Logik ist hier nicht neu. Sie kennt zwei Auflagen im 20. Jahrhundert. Sie kennt nicht nur Aktenzeichen und Öffentlichkeit. Sie kennt auch die Stille, mit der Freundeskreise sich in der Folge neu sortieren.
Die Wahlergebnisse der letzten Jahre, gerade im Osten, lese ich nicht primär als Verschiebung nach rechts. Ich lese sie als Reaktion auf eine Lagerlogik, in der die Mitte verloren geht. Wer in der Schule, im Verein, am Mittagstisch lange genug erlebt hat, dass nur eine bestimmte Antwort gewünscht ist, sucht irgendwann nach einer Adresse, an der er etwas anderes sagen darf. Auch wenn die Adresse nicht zu ihm passt. Oder er passt sich an, wenn die Sorge um die eigene Existenz größer ist als das Bedürfnis, sich zu öffnen.
Aus Sicht der Resonanz wäre die Antwort darauf nicht weitere Ausgrenzung. Sie wäre der Bau von Räumen, in denen die Sortierung kurz aussetzen kann. In denen das, was als "extrem" markiert ist, erst einmal gehört, bevor es angegriffen wird. Demokratie ist nicht das Ergebnis ausgehandelter Lager. Sie ist die Bedingung dafür, dass Lager überhaupt zueinander sprechen können.
Hoffnung
Ich bin systemischer Mediator. Das ist nicht nur ein Beruf, das ist eine Haltung. Sie hat einen Namen: Allparteilichkeit. Sie bedeutet nicht, dass mir alles egal ist. Als Mediator suche ich nicht nach Schuldigen. Das ist keine moralische Naivität, sondern professionelle Selbstbeschränkung. Wer einen Schuldigen benennt, hat die andere Seite verloren und kann nicht mehr vermitteln.
Diese Haltung hat es im aktuellen Diskurs sehr schwer. Solange jede Geste sofort einer Seite zugerechnet wird, gibt es keinen Raum, in dem etwas Neues wachsen kann. Solange die Frage Wer hat angefangen? wichtiger ist als die Frage Was neu entsteht?, müssen junge Menschen weiter sterben.
Karl Valentin soll einmal gesagt haben: Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen. Sie machen uns sowieso alles nach. Vielleicht ist das die ehrliche Antwort auf all die Fragen. Mein Vater hat den Krieg überlebt, deshalb konnte ich einen Baum pflanzen, dort, wo viele andere so jung schon gefallen sind. Ich schreibe darüber. Was unsere Kinder daraus machen, hängt nicht davon ab, was wir ihnen sagen, sondern von dem, was wir tun, während sie zusehen:
Wenn sie uns Bäume pflanzen sehen, werden sie Bäume pflanzen.
Wenn sie uns Lager verteidigen sehen, werden sie Lager verteidigen.
Wenn sie uns hören, wie wir Fronten ziehen, statt Wurzeln zu schlagen, werden sie das Gleiche tun.
Vielleicht ist das die beste Erziehung, die wir leisten können: Vorleben, was uns in eigener Verantwortlichkeit wichtig erscheint.
Vier Tage nach der Pflanzungszeremonie feierte mein Vater seinen 100. Geburtstag. Was für ein unglaubliches Geschenk im Angesicht der längst gefallenen Kameraden. Er war gesundheitlich schon angeschlagen. Am 1. Mai hat er sich nach einer entspannten Nacht früh auf seine Reise begeben, kurz nach meinem zärtlichen Morgengruß. Ich konnte nicht ahnen, dass es das letzte Mal sein würde.
Sein Baum aber lebt weiter und er und die Gefallenen durch ihn. Und zeigt unseren Kindern, was wir selbst getan haben…
Jan Hüfner
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Mehr zur tausendjährigen Eiche aus Nöbdenitz: 1000jaehrigeeiche.de
Hintergrund: Wir bauen auf Erinnerung