12. November 2024
Per Kuppel(t)raumschiff durch die "Gaiaxis
aus dem Original-Text in einfache Sprache übersetzt von Jean-Claude Sonnet
Vor hundert Jahren öffnete das erste Planetarium. Der Blick ging staunend ins Weltall. Heute könnte er zurück auf die Erde gehen.
Ein Klassiker braucht frische Ideen
Ferne Galaxien kennen wir inzwischen fast wie alte Bekannte. Deshalb wird es Zeit, die Kuppel wieder auf unseren eigenen Planeten zu richten.
Walter Benjamin hat das Planetarium nie als bloße Sternwarte gesehen. Für ihn war es eine Bühne zwischen Technik und Natur. Zwischen Fremdsein und Heimkommen.
Es ist wohl kein Zufall, dass der Blick vom All zurück zur Erde genau dann kommt, wenn wir lernen müssen, sorgsamer mit ihr umzugehen.
Vom Zuschauen zum Mitreden
Das neue Planetarium wäre kein Ort mehr, an dem man nur staunt. Es wäre eine Werkstatt.
Dort könnte ein örtliches Parlament der Dinge entstehen. Diesen Begriff hat der Denker Bruno Latour geprägt. Gemeint ist: Nicht nur Menschen reden mit. Auch Tiere, Pflanzen und ganze Lebensräume bekommen einen Platz am Tisch. Latour hat später betont, dass es ihm dabei weniger um Rechte für Nicht-Menschen ging, sondern um unsere Abhängigkeit von ihnen.
Möglich wäre das durch Daten von Satelliten und Messfühlern. Sie zeigen in Echtzeit, wie es unserer Mitwelt gerade geht. Die Natur könnte sich so ein Stück weit selbst äußern.
Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von Resonanz. Also davon, dass wir mit der Welt in Schwingung kommen. Ein solcher Raum wäre ein Ort dafür.
Und Gerald Hüther nennt es kommunale Intelligenz, wenn eine Stadtgesellschaft klug zusammenwirkt. Aus Bürgern würden forschende Bürger, die eigene Projekte auf die Beine stellen.
Mittendrin statt davor
Vorbilder gibt es. In Prag verband die Laterna Magika Film und Tanz auf einer Bühne. Der Künstler Stan Vanderbeek baute ein Movie-Drome, eine Kuppel voller bewegter Bilder.
So würde aus dem Planetarium ein Erlebnisraum. Dort ließe sich die Erde nicht nur untersuchen, sondern auch fühlen. Wie Lebewesen zusammenarbeiten. Wie die Evolution ihre Sprünge macht.
Eine Resonanz-Bibliothek könnte das gesammelte Wissen über diese Verbindungen bereithalten.
Benjamins Flaneur, der aufmerksame Spaziergänger, würde dabei zum Gaionauten. Er schwebt neugierig durch die Kreisläufe unserer Welt, so wie früher die Planeten über die Kuppel zogen.
Forschen, spielen, gestalten
In so einem Raum verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel, Bildung und Forschung.
Man könnte sagen: Das Planetarium wirkt wie eine gemeinsame VR-Brille. Nur dass niemand allein in seiner Blase sitzt.
Das ist etwas anderes als die Versprechen der Smart City oder des Metaversums. Hier geht es nicht um Technik, die alles steuert. Hier geht es darum, unseren Bezug zur Welt auf viele Füße zu stellen. Menschliche, tierische, pflanzliche.
Auf ins Abenteuer
Ein solches Planetarium wäre mehr als eine Sternenkuppel. Es wäre ein Schwellenraum. Ein Ort, an dem wir unseren Platz im Gefüge des Lebens neu entdecken dürfen.
Es gibt keine fertigen Antworten. Es lädt ein, gemeinsam mit der Erde zu schwingen. Und eine Frage zu wagen: Welche Rolle wollen wir eigentlich spielen?
Mehr dazu unter resonanz-labor.de/resonanz-dome
Was die Wörter bedeuten
- Parlament der Dinge: Idee von Bruno Latour. Auch Tiere, Pflanzen und Landschaften sollen bei Entscheidungen mitzählen
- Resonanz: Mitschwingen. Etwas berührt mich und klingt in mir weiter
- Kommunale Intelligenz: die Fähigkeit einer Stadt, gemeinsam gute Lösungen zu finden
- Gaionaut: ein Reisender auf der lebendigen Erde
- Fulldome: eine Kuppel, auf die Bilder rundherum projiziert werden
Woher die Angaben stammen
- Bruno Latour: Das Parlament der Dinge. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001
- Bruno Latour: How to understand the „Parliament of Things“ thirty years later. Vortrag an der Radboud Universität Nijmegen, 23.11.2020