24. Mai 2026
Ein kleines Pfingstwunder

Vor genau fünfzig Tagen war Ostern. Nach der alten Erzählung sitzen die Jüngerinnen und Jünger an diesem Tag beieinander, verunsichert, hinter verschlossenen Türen. Dann kommt ein Brausen wie von einem Sturm, und über jedem von ihnen erscheint etwas wie eine Zunge aus Feuer. Der Heilige Geist. Und sie fangen an zu reden, so dass die Menschen aus vielen Ländern sie verstehen, jede und jeder in der eigenen Sprache. Das ist das Pfingstwunder: Über alle Sprachgrenzen hinweg wird Verstehen möglich, ohne dass alle gleich reden müssten.
Man kann diese Geschichte als fromme Legende lesen oder als kühne Behauptung: dass die tiefste Trennung, die zwischen Fremden, für einen Augenblick aufgehoben ist. An diesem Pfingstsonntag denke ich an eine Trennung, die wir bis heute kaum überbrücken. Sie verläuft nicht zwischen Ländern oder Sprachen, sondern zwischen uns Menschen und der übrigen Schöpfung. Der Auwald redet. Nur eben nicht in Worten, die in unseren Protokollen vorkommen.
Von Leipzig lernen
1986 gründete sich in Leipzig die Arbeitsgruppe Menschenrechte. Ihre Methode nannten sie legalistische Subversion: bestehendes Recht beim Wort nehmen, die Schlussakte von Helsinki, und den Staat an seine eigenen Zusagen erinnern. Geschützt in Kirchgemeinden, bis sie 1989 diese Räume verließen und Geschichte schrieben. Vierzig Jahre später stellen wir eine einfache Frage: Was damals Einsatz für Menschenrechte war, lässt sich das als Einsatz für die Rechte der Natur weiterdenken?
Ein Manifest, das eine Sprache sucht
Darum geht es in einem Biokratischen Manifest, an dem wir mit dem Netzwerk Rechte der Natur und Leipziger Auwaldinitiativen arbeiten. Seine Frage ist schlicht und groß zugleich: Was würde es bedeuten, wenn wir die Bewahrung der Schöpfung, also Flüsse, Wälder, Böden und Tiere, nicht nur als moralische Pflicht verstünden, sondern als Grundlage unseres Zusammenlebens?
Vorbilder gibt es weltweit. Der Whanganui in Neuseeland und der Mar Menor in Spanien haben eine eigene Rechtspersönlichkeit bekommen. Das ist kein politisches Programm, eher ein ernst gemeintes Gedankenexperiment: bestehendes Recht nutzen, um der Natur eine Stimme zu geben. Warum nicht auch der Leipziger Auwald?
Das Wasser, in dem wir getauft wurden
An Pfingsten liegt eine Frage nahe, die tiefer reicht als jede Statistik. Wie war der Zustand des Wassers, in dem viele von uns einst getauft wurden, und wie ist er heute? Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zum ganzen Auwald: zu seinen Bäumen, seinem Boden, seinen Kreisläufen, seinem Durst. Die Bewahrung der Schöpfung ist keine Randnotiz des Glaubens, sie ist einer seiner ältesten Aufträge.
Den Blick umkehren
Unser Name sagt es schon: Gaionauten sind Erdreisende, die den Blick umkehren. Statt in die Ferne zu schauen, richten wir ihn, wie in einem Planetarium, auf die vielen Verbindungen dieser einen Erde. In diesen Tagen wurde das Leipziger Großraumplanetarium hundert Jahre alt. Aus seiner Kuppel für den Sternenhimmel wollen wir einen Raum für die Erde machen, einen Resonanz-Dome, in dem die Stimmen der Aue hörbar werden.
Was in diesem und im nächsten Jahr wächst
Aus dieser Frage soll etwas Handfestes werden. Noch in diesem Jahr wollen wir einen größeren Kreis zusammenrufen und gemeinsam anfangen. Und im nächsten Jahr, wenn die Stadt über die Zukunft ihrer Auen entscheidet, möchten wir dafür sorgen, dass der Auwald in dieser Beratung nicht bloß Gegenstand ist, sondern ein Gegenüber. Das Biokratische Manifest ist unser Versuch, diese Haltung in Worte zu fassen, nah am Leipziger Auwald und ohne die große Geste.
Ein kleines Pfingstwunder
Den Stimmen des Wassers, der Bäume und des Bodens Gehör zu verschaffen, das hätte etwas von jenen Feuerzungen. Kein Reden über die Natur hinweg, eher der Versuch, ihre Sprache in unsere zu übersetzen. Nicht, dass eine Maschine für die Natur spräche, das wäre Anmaßung. Wohl aber, dass wir eine Sprache finden, in der die Schöpfung in unseren Beratungen wieder vorkommt, statt vergessen zu werden. Entschieden wird von Menschen. Aber vielleicht hören wir, an einem guten Tag, ein wenig genauer hin. Ein kleines Pfingstwunder wäre das.
Frohe Pfingsten.
Jean-Claude Sonett