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2. August 2026

Die letzte dunkle Küste

aus dem Original-Text in einfache Sprache übersetzt von Jean-Claude Sonnet

Rund 14.000 Satelliten kreisen heute um die Erde. Angemeldet sind über 1,7 Millionen. Was geht verloren, wenn der Nachthimmel zur Ware wird?

Ein Riss im Dunkel

Wer abends nach oben schaut, sieht selten nur Sterne. Zwischen ihnen ziehen ruhige Lichtpunkte ihre Bahn. Das sind Satelliten. Sie werfen Sonnenlicht zu uns herunter, bis sie in den Erdschatten eintauchen.

Vor wenigen Jahren war das selten. Heute ist es normal. Über 14.000 Satelliten sind zurzeit in Betrieb. Rechnet man kaputte Geräte und Trümmer dazu, sind es mehr als 32.000. Im Jahr 2019 waren es noch etwa 2.000.

Der Astronom Olivier Hainaut von der Europäischen Südsternwarte hat ausgerechnet, was die angemeldeten Pläne bedeuten würden. Sein Urteil ist deutlich. Sie hätten verheerende Auswirkungen auf die Himmelsbeobachtung.

Was gerade beantragt wird

Hainaut hat 33 große Vorhaben gezählt. Zusammen sind dort mehr als 1,7 Millionen Satelliten angemeldet. Die größten Vorhaben:

  • SpaceX: bis zu eine Million Satelliten, die als Rechenzentren im Weltall arbeiten sollen. Angetrieben von der Sonne
  • Reflect Orbital: Satelliten mit Spiegeln, die nachts Sonnenlicht auf die Erde lenken. Geplant sind 5.000 bis 2030 und 50.000 bis 2035
  • E-Space: rund 300.000 Satelliten
  • Zwei chinesische Netze: zusammen etwa 200.000 Satelliten

Nicht alles davon wird gebaut werden. Selbst der Gründer von E-Space hat das angedeutet. Warum melden dann alle so hohe Zahlen an?

Weil es sich lohnt. Funkfrequenzen und Plätze in der Umlaufbahn werden nach dem Grundsatz vergeben: Wer zuerst kommt, sichert sich Rechte. Papier ist geduldig. Das Risiko trägt am Ende nicht die Firma, sondern der Nachthimmel.

Was das für den Himmel bedeutet

Hainaut unterscheidet drei Folgen.

Erstens ziehen Satelliten helle Striche durch Aufnahmen. Bei der geplanten SpaceX-Flotte wären auf einem einzigen Bild eines großen Teleskops noch Stunden nach Sonnenuntergang mehr als acht solcher Striche zu sehen. Bis zu 28 Prozent des Bildes wären unbrauchbar.

Zweitens werden empfindliche Kameras überblendet. Manche Teleskope könnten stundenlang nichts mehr aufnehmen.

Drittens wird der ganze Himmel heller. Auch Satelliten, die wir gar nicht sehen, streuen Licht. Zusammen legen sie einen Schleier über die Nacht.

Besonders stark wäre das bei den Spiegelsatelliten. Bei 50.000 Stück wäre der Himmel drei- bis viermal so hell. Zeitweise wären etwa 1.300 davon gleichzeitig zu sehen, so hell wie die Venus. In einer Stadt wie München wären sie dann die einzigen Sterne, die man überhaupt noch erkennt.

Hainaut sagt nicht Nein zu Satelliten. Er nennt eine Grenze. Höchstens 100.000 sollten es sein, und keiner davon heller als mit bloßem Auge gerade noch sichtbar. Persönlich wären ihm 50.000 lieber.

Die unsichtbare Fracht

Hainauts Studie handelt nur vom Sehen. Andere Forschung schaut auf die Luft.

Ein Team am University College London hat den Ruß untersucht, den Raketen in großer Höhe hinterlassen. Dort oben regnet es nicht. Der Ruß bleibt und wirkt bis zu 500-mal stärker auf das Klima als am Boden. Bis 2029 rechnen die Forschenden mit etwa 870 Tonnen Ruß im Jahr. Die großen Satellitenflotten wären für 42 Prozent der Klimawirkung verantwortlich.

Bei der Ozonschicht ist dieselbe Studie vorsichtiger. Alle Raketenstarts zusammen bauen bis 2029 etwa 0,02 Prozent des Ozons ab. Zum Vergleich: Die längst verbotenen Chemikalien haben rund 2 Prozent zerstört.

Andere Forschung sorgt sich weniger um den Start als um die Rückkehr. Wenn ein Satellit verglüht, setzt er Staub aus Aluminiumoxid frei. Bei 250 Kilogramm Gewicht sind das etwa 30 Kilogramm. Dieser Staub hilft dabei, Ozon zu zerstören. Und er braucht bis zu 30 Jahre, bis er in die Ozonschicht absinkt. Die Wirkung kommt also mit großer Verspätung.

Ein Team aus der Schweiz und Neuseeland hat noch etwas berechnet. Bei achtmal so vielen Starts wie heute würde die Ozonschicht weltweit um 0,3 Prozent dünner. Über der Antarktis zeitweise um 4 Prozent. Das klingt wenig. Aber die Ozonschicht soll sich erst 2066 vollständig erholt haben. Jede zusätzliche Belastung schiebt diesen Zeitpunkt weiter hinaus.

Ein einheitliches Bild ergibt das nicht. Die Starts belasten vor allem das Klima. Die Rückkehr belastet vor allem das Ozon. Beides wächst mit jeder neuen Flotte. Und die Forschung sagt selbst, dass ihr Messungen fehlen.

Der Himmel gehört allen

Es gibt einen Verlust, den keine Zahl erfasst.

Jede Generation gewöhnt sich an einen etwas helleren Himmel als die vorige. Fachleute nennen das eine verschobene Messlatte. Kinder, die heute geboren werden, sehen zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit einen anderen Himmel als alle vor ihnen.

Für viele indigene Gemeinschaften ist das kein abstrakter Verlust. Ihre Wege, ihre Geschichten und ihr Glauben hängen an einem lesbaren Nachthimmel. Und auch Tiere und Pflanzen richten ihre innere Uhr nach dem Licht.

Dazu kommt eine Gefahr im Orbit selbst. Schon heute kreisen mehr als 50.000 Trümmerteile von über zehn Zentimetern um die Erde. Ohne ständige Ausweichmanöver gäbe es im Schnitt alle 3,8 Tage einen größeren Zusammenstoß. Ein Stoß erzeugt neue Trümmer, die den nächsten Stoß wahrscheinlicher machen.

Deshalb schlagen zwei Fachleute eine Prüfung vor, bevor solche Flotten genehmigt werden. Ähnlich einer Umweltverträglichkeitsprüfung. Bisher gibt es das nicht. Genehmigt wird, solange niemand einen Schaden beweisen kann. Nicht erst, wenn jemand beweist, dass kein Schaden entsteht.

Eroberung oder Beziehung

In seinem Antrag schreibt SpaceX, das Vorhaben sei der erste Schritt zu einer Zivilisation, die die volle Kraft ihrer Sonne nutzt.

Das ist eine bestimmte Vorstellung von Fortschritt. Der Orbit als nächster Rohstoff. Das Weltall als nächstes Gebiet. Und entschieden wird das von einigen wenigen Firmen und einer einzigen Behörde in den USA. Nicht von allen, die diesen Himmel teilen.

Hainaut wählt ein anderes Bild. Er nennt die niedrige Umlaufbahn eine kosmische Küstenlinie. Eine Küste erobert man nicht. Sie ist ein gemeinsamer Rand, an dem sich zwei Welten berühren.

Was wir daraus lernen

Der Nachthimmel ist das älteste Gegenüber, das wir haben. Niemand hat ihn je bewohnt oder bepflanzt. Er gehörte allen Kulturen zu allen Zeiten.

Es gibt keinen Grund zur Panik. Aber es gibt einen Grund zur Wachsamkeit. Der Himmel verändert sich bereits. Die Frage ist, ob wir das als das behandeln, was es ist. Eine Entscheidung, die alle angeht und die bisher wenige treffen.

Zu einem einzigen Antrag gingen bei der Behörde über 1.800 Stellungnahmen ein. Das ist eine kleine Form von Resonanz. Menschen melden sich zu Wort, weil ihnen etwas wichtig ist, das ihnen nie gehört hat.

Es geht nicht darum, gegen Technik zu sein. Satelliten retten Leben bei Katastrophen. Sie bringen Internet in abgelegene Gegenden. Sie beobachten das Klima und liefern uns Daten, die wir selbst nutzen.

Es geht darum, sich zu erinnern: Jede Küste, die wir bebauen, ist auch eine Küste, die wir verlieren können.

Was die Wörter bedeuten

  • Satellitenflotte: viele tausend Satelliten, die zusammen ein Netz bilden
  • Orbit: die Umlaufbahn um die Erde
  • Ozonschicht: eine Schicht hoch in der Luft. Sie schützt uns vor gefährlicher Strahlung der Sonne
  • Resonanz: Mitschwingen. Etwas berührt mich und klingt in mir weiter

Woher die Angaben stammen

  • Olivier R. Hainaut: Large or bright satellite constellations. Effects on observations, including background sky brightness. Astronomy und Astrophysics, ESO 2026
  • Pressemitteilung der Europäischen Südsternwarte eso2607, 1. Juli 2026
  • Connor R. Barker, Eloise A. Marais und andere: Radiative Forcing and Ozone Depletion of a Decade of Satellite Megaconstellation Missions. Earth's Future 14, Heft 5, 2026
  • Joseph P. Ferreira und andere: Potential ozone depletion from satellite demise during atmospheric reentry in the era of mega-constellations. Geophysical Research Letters 51, 2024
  • Sandro Vattioni und Timofei Sukhodolov: Das neue Weltraumzeitalter könnte die Ozonschicht ausdünnen. ETH Zürich, 17. Juli 2025
  • Gregory Radisic und Samantha Lawler: Too many satellites? Earth's orbit is on track for a catastrophe. The Conversation, 18. Februar 2026