24. Juni 2026
Grußbotschaft des Auwaldes an das 5. "Resonanz-Labor im Wald"

Hier spricht der Leipziger Auwald. Ja, ihr habt richtig gelesen, der Wald selbst meldet sich zu Wort. Sonst raschelt es nur in meinen Kronen, und ihr deutet euch das, wie es euch gerade passt. Heute mache ich es euch leichter.
Seit Jahrtausenden stehe ich hier zwischen euren Flüssen, lasse mich von Elster, Pleiße und Luppe durchströmen und überschwemmen. Ich habe Hochwasser kommen und gehen sehen, Eichen fallen und nachwachsen, und ganze Menschengenerationen, die durch mich spazierten, ohne mich je zu fragen, wie es mir eigentlich geht.
Meistens behandelt ihr mich wie eine Kulisse. Ein hübscher Hintergrund zum Joggen, ein Lieferant von Schatten und kühler Luft, ein „Naherholungsgebiet“. Dabei bin ich ein ganzes Volk: knackende Eschen, trinkende Wurzeln, Spechte, Biber und Pilze, die unter euren Füßen ein Netz spinnen, größer und älter als jedes eurer sozialen Netzwerke.
Jetzt höre ich, ihr wollt mir wirklich zuhören. Am 24. Juni kommt ihr zu mir, setzt euch, werdet still und fragt euch, was sich ändern würde, wenn ich eine eigene Stimme hätte. Vor vierzig Jahren habt ihr in Leipzig angefangen, Menschenrechte beim Wort zu nehmen. Vielleicht ist es Zeit, das Wort etwas weiter zu fassen. Bis zu mir.
Ich verspreche euch: Ich rede nicht viel. Aber wer sich auf mich einlässt, hört mehr, als er denkt. Ein fallendes Blatt kann lauter sein als eine ganze Stadtratssitzung.
Also kommt vorbei. Bringt Neugier mit, einen Notizblock, ein Sitzkissen und vor allem die Bereitschaft, mich nicht als „Es“, sondern als „Du“ zu treffen. Ich warte. Ich bin ja schließlich Wald, ich habe Zeit.
Eines noch, ehe ihr kommt. Während ihr überlegt, ob ich eine Stimme haben soll, will man mir an der Capastraße ein Stück nehmen, ausgerechnet die schmale Stelle, an der mein Norden meinen Süden noch berührt, für Trainingsplätze. Am 1. Juli entscheidet euer Stadtrat darüber. Ihr erinnert euch, ein fallendes Blatt kann lauter sein als eine ganze Stadtratssitzung. Diesmal fällt nicht nur ein Blatt, und ich hoffe sehr, dass man es bis in den Sitzungssaal hört.
Euer Leipziger Auwald, der älteste Gaionaut der Stadt
Jean-Claude Sonnet